Statisten meines Lebens

Berlin

Ziiieh – – – klapp. pip. pip. pip. Durch José González ruhige Stimme hindurch höre ich das geräuschvolle Quietschen der automatischen Türen . Es folgt ein Geräusch, das mich an einen schnaubenden Drache erinnert und der Zug setzt sich mit einem Ruck in Bewegung. Kurz darauf öffnet sich zögerlich die gläserne Schiebetür des Abteils und lässt einen Schwall kühler Luft herein. Ob hier denn noch frei wäre? Fragt eine höfliche Stimme in den Raum und hieft auf mein Nicken hin ihren großen Reisekoffer keuchend in die Gepäckablage hinauf. Die Besitzerin der Stimme, eine gepflegte Frau mitte fünfzig, setzt sich mir gegenüber ans Fenster, wirft einen Blick auf ihre goldene Armbanduhr und kramt ein dickes rotes Buch aus ihrer Handtasche. Der Einband zeigt das Foto einer strahlenden Kleinfamilie beim Picknick, worüber in glänzendern Großbuchstaben “ Der große Erziehungsberater“ zu lesen ist. Irgendwie kann ich mir ein Grinsen nicht verkneifen, deshalb sehe ich aus dem Fenster und beginne, mir Gedanken über diese Frau zu machen. Ob sie wohl so spät noch Mutter geworden ist? Oder vielleicht hat sie gar keine Kinder und ist gerade auf dem Weg zu einer Fortbildung für Erziehungswissenschaften, falls es sowas denn gibt.. Gedanken über Gedanken gehen mir durch den Kopf, während ich so aus dem Fenster starre und die Landschaft wie helle Rauchschwaden an mir vorbeiziehen sehe und als sich meine Zugbekanntschaft – soweit man das denn so nennen kann – eine halbe Stunde später mit einem müden Lächeln verabschiedet und ich sie und ihren Koffer im Menschgetümmel des Bahnsteiges untergehen sehe, bin ich der festen Überzeugung, ihr Name sei Brigitte oder Barbara oder so etwas in der art, sie habe vor Kurzem einen 42-Jährigen, alleinerziehenden Vater geheiratet und fürchte nun ernsthaft um die Erziehung der beiden stark pupertierenden Kinder. All dies wird in meiner Vorstellung lebendig, während ich – noch immer José Gonzalez Stimme im Ohr – dasitze und mich plötzlich frage, wie ich selbst wohl auf andere Menschen wirken mag, so auf den ersten Blick.

Ist es nicht verrückt, dass man jeden Tag von so vielen Menschen umgeben ist, deren Geschichte man nicht kennt ? Man nie wissen wird, wen sie gern haben oder welche Musik sie mögen, dass man jahrelang jeden Morgen mit denselben Personen den engen Raum des Busses teilt, sieht, wie sie älter werden, sich verändern, mal gut gelaunt sind, mal traurig – und trotzdem in den meisten Fällen nicht einmal den Vornahmen kennt? Man weiß nichts von ihnen. Und trotzdem trifft man sie, weiß, wann sie sich wo aufhalten und bemerkt, wenn sie mal nicht da sind. Da gibt es zum Beispiel das viel zu blasse Mädchen mit den großen Augen, das immer eine Haltestelle nach mir einsteigt und nie lächelt oder die junge blonde Frau, die jeden Morgen mit ihren hochhackigen Stöckelschuhen eilig den Berg hinaufradelt, während ich im Auto an der Ampel stehe und warte. Der Bäcker um die Ecke hat es inzwischen aufgegeben zu fragen, ob ich Zucker in meinen Kaffee möchte und der nette Busfahrer hält manchmal sogar direkt vor meiner Haustür, wenn der Verkehr es zulässt. Und dann ist da noch der bucklige, alte Mann mit der Alditüte, der stets von einer Fahne umgeben ist und abends immer um dieselbe Uhrzeit den Bahnhofsplatz nach Müll und leeren Flaschen absucht während er leise mit sich selbst spricht. Manchmal lasse ich extra ein wenig Leergut für ihn stehen, vielleicht freut er sich ja.

Es gibt so viele Menschen, denen man im Alltag begegnet. Leben, die sich berühren, musternde Blicke, oder auch mal ein Lächeln, das erwidert wird. Ob mich diese Menschen überhaupt wahrnehmen, weiß ich nicht. Aber ich bemerke sie. Sie alle haben ihre eigene Geschichte, aber sie sind auch Teil der meinen, da sich unsere Wege für einen kurzen Moment kreuzen, weil ich es gewohnt bin, sie zu sehen. Diese vertrauten Fremden. Komparsen meines Alltags. Statisten meines Lebens..

 

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6 Gedanken zu “Statisten meines Lebens

  1. Ich habe deinen wunderbaren Blog vor kurzem entdeckt, konnte mich aber erst jetzt dazu durchringen dir einen Kommentar da zulassen.
    Deine Bilder gefallen mir richtig gut. Ich bekomme schon Lust darauf, selbst mal zu versuchen ein paar Fotos zu knipsen.
    Diese kleine Geschichte aus deinem Alltag, „Statisten meines Lebens“, hat es mir aber besonders angetan. Ich finde diese Frage, wie andere Menschen einen selbst wahrnehmen oder wie man auf andere wirkt, sehr interessant und stelle sie mir auch des öfteren. Vielleicht beantwortet sie uns ja irgendwann einmal eine Person total spontan, wenn wir es am wenigsten erwarten. Vielleicht sehen uns andere, anders als wir selbst.
    Ich freue mich auf weitere Bilder und Geschichten von dir. Danke dafür!

  2. Danke für diesen unglaublich netten Kommentar, so etwas motiviert unheimlich.! (: …Versuch’s doch einfach mal selbst mit der Fotografie, vielleicht triifst du ja auf ein versteckters Talent ;) Liebe Grüße, Madeleine

  3. Wollte grad sagen …..hab dich erst einmal gesehen ….da stimmt so aber nicht …ist blos schon mindestens wenn nicht noch länger her ..
    Dachte ich muss jz mal loswerden wie du auf MICH gewirkt hast….
    Neugierig (im possitiven Sinne ),Weltoffen….ein kleines bisschen schüchtern,freundlich….(auch wenn ein fremder Typ die Mutter anlabert …),Zielstrebig….und und mir fehlen die Worte
    und SCHÖN….wenn ein alter S.. wie ich das sagen darf ?!
    „Sei wie du scheinst „…Weiter so…..:-)

    • ….na das ist ja eine Überraschung.! Danke für die ehrlichen&netten Worte (:..magst du auch wissen, wie du auf mich gewirkt hast?Ja? Okay….Also auf jeden Fall sympathisch …und das Gegenteil von langweilig, wofür mir aber gerade nicht das richtige Wort einfällt..reiselustig,interessant,humorvoll,oldtimerbegeistert (aha ein Mensch mit Geschmack!;)) …und wenn mich nicht alles täuscht total vernarrt in seine Kinder ;)
      p.s. hast du das VW-Bus-Bild schon entdeckt? p.p.s. man ist immer so alt, wie man sich fühlt!

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